Mauser – wenn die Adler ihre Federn wechseln
Eine Feder ist tote Substanz – ein bisschen wie unsere Haare und Nägel. Sie kann sich nicht selbst reparieren, und sie nutzt sich jeden einzelnen Tag ab. Deshalb wechseln alle Vögel ihre Federn, und für einen Greifvogel ist das eines der wichtigsten Projekte des Jahres. Hier erzählen wir, wie die Mauser abläuft, warum die Vögel währenddessen weniger fliegen und was sie für unsere Saison bedeutet.
Von wenigen Zentimetern bis über einen halben Meter
Federn gibt es in allen Größen. Die kleinste Eule der Welt, der nordamerikanische Elfenkauz (Micrathene whitneyi), ist nur 12–14 cm lang. Sein Schwanz misst 4,5–5,3 cm, und der geschlossene Flügel misst 9,9–11,5 cm vom Handgelenk bis zur Spitze der längsten Schwungfeder.
Am anderen Ende steht der Andenkondor, zu dessen Art unsere Molina gehört. Der Schwanz misst 33–38 cm, und der geschlossene Flügel 75,7–85,2 cm. Der Kondor hat die größte Flügelfläche aller lebenden Vögel.
Wo sitzen die Federn – und wofür sind sie da?
Bevor man die Mauser verstehen kann, muss man wissen, wo die verschiedenen Federn sitzen. Die Zeichnung unten zeigt den rechten Flügel eines Greifvogels von oben und den ausgebreiteten Schwanz. Die Nummern auf der Zeichnung sind dieselben, die wir im Text verwenden. (Die Beschriftung der Zeichnung ist dänisch: håndsvingfjer = Handschwingen, armsvingfjer = Armschwingen, tertiærer = Schirmfedern, dækfjer = Deckfedern, halefjer = Steuerfedern.)
Die Federgruppen von Flügel und Schwanz. P4 ist mit Pfeilen markiert, weil die Mauser der Falken hier beginnt. Klicken Sie auf die Zeichnung, um sie in voller Größe zu sehen. Grafik: Ørnereservatet
- Handschwingen (P1–P10) sitzen ganz außen am Flügel, an der „Hand“ des Vogels. Sie sind die längsten Federn, und der Vogel kann sie einzeln fast wie Finger drehen. Sie liefern den größten Teil des Vortriebs. Wir zählen von innen: P1 sitzt innen am Handgelenk, P10 ganz außen an der Flügelspitze.
- Armschwingen (S1, S2, S3 …) sitzen am Unterarm, zwischen Handgelenk und Ellbogen. Sie liegen dicht beieinander und bilden die tragende Fläche des Flügels, sie liefern also den größten Teil des Auftriebs. Wir zählen vom Handgelenk zum Körper hin: S1 sitzt direkt neben P1. Die Anzahl variiert von Art zu Art – je größer der Vogel, desto mehr.
- Die Schirmfedern (Tertiären) sind die innersten Federn direkt am Körper. Sie schließen den Übergang zwischen Flügel und Körper.
- Die Deckfedern liegen wie Dachziegel über den Ansätzen der Schwungfedern. Sie decken und schützen die Ansätze und geben dem Flügel seine glatte, gewölbte Oberseite, sodass die Luft gleichmäßig darüber strömt.
- Der Daumenfittich (Alula) ist eine kleine Federgruppe am „Daumen“ des Vogels an der Flügelvorderkante. Bei langsamem Flug und bei der Landung hebt der Vogel ihn an, sodass ein kleiner Spalt entsteht. Das hilft dem Flügel, die Luft zu halten, damit der Vogel nicht in den Strömungsabriss gerät – ein bisschen wie die Klappen an einem Flugzeugflügel.
- Die Steuerfedern (H1–H6 auf jeder Seite; im Deutschen oft S1–S6 oder R1–R6 genannt) sitzen fächerförmig. Greifvögel haben normalerweise sechs auf jeder Seite, insgesamt zwölf. H1 sind die beiden mittleren, H6 die äußersten. Der Schwanz dient zum Steuern, Bremsen und Halten des Gleichgewichts.
Eine Handschwinge eines Uhus, mit Maßstab gescannt. Foto: BirdingInSpain, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons
Die Reihenfolge – Schritt für Schritt
Ein Greifvogel kann nicht alle Schwungfedern auf einmal abwerfen, denn dann könnte er nicht fliegen. Deshalb werden sie in einer festen Reihenfolge gewechselt. Die Reihenfolge ist bei allen Vögeln derselben Gruppe fast gleich, aber Adler und Habichtartige, Falken und Eulen machen es jeweils auf ihre eigene Weise. Legen Sie die Zeichnung beim Lesen daneben.
Falken (z. B. Wanderfalke und Sakerfalke):
- Die erste Feder, die fällt, ist normalerweise P4 – die vierte Handschwinge von innen gezählt. Gelegentlich beginnt es bei P5.
- Von dort verläuft die Mauser gleichzeitig in beide Richtungen: nach innen zu P3, P2 und P1 und nach außen zu P5, P6 und weiter.
- Die letzte Handschwinge, die gewechselt wird, ist P10 ganz außen an der Spitze.
- Wenn ein paar Handschwingen gewechselt sind, beginnen die Armschwingen. Bei Falken beginnen sie bei S5 und gehen von dort in beide Richtungen – nach außen zu S1 und nach innen zum Körper. Bei den meisten Falken beginnt die Mauser zugleich an einer zweiten Stelle bei den Schirmfedern, meist bei der mittleren.
- Falken wechseln normalerweise den ganzen Flügel und den Schwanz in einem Jahr, und im nächsten Jahr beginnen sie wieder an denselben Stellen.
Adler und Habichtartige (z. B. Seeadler, Steinadler und Mäusebussard):
- Die Handschwingen werden von innen nach außen gewechselt: zuerst P1, dann P2, P3 und so weiter bis P10.
- Die Armschwingen werden von drei Stellen gleichzeitig gewechselt: Von S1 verläuft die Mauser nach innen, von S5 ebenfalls nach innen, und von der innersten Armschwinge nach außen.
- Kleine und mittelgroße Arten schaffen in der Regel alles in einem Jahr.
- Große Adler wie Seeadler und Steinadler schaffen es nicht. Die Mauser ruht im Winter, und im nächsten Frühjahr geht sie dort weiter, wo sie aufgehört hat. Gleichzeitig beginnt eine neue Runde wieder bei P1. Deshalb sieht man im selben Flügel zwei, drei und manchmal vier „Wellen“ von Federn unterschiedlichen Alters. Das nennt man Staffelmauser. Bei erwachsenen Seeadlern dauert es typischerweise drei, gelegentlich vier Jahre, bis alle Handschwingen gewechselt sind.
Der Schwanz:
- Bei Greifvögeln beginnt der Schwanz fast immer mit H1, den beiden mittleren Federn.
- Danach variiert die Reihenfolge von Art zu Art. Bei vielen Adlern und Habichtartigen kommen die äußersten Federn (H6) früh.
- Bei Seeadlern in Schleswig-Holstein fanden Forscher, dass die Steuerfedern am häufigsten in der Reihenfolge H1-H6-H3-H4-H2-H5 gewechselt wurden.
- Große Adler schaffen nicht immer den ganzen Schwanz in einem Jahr.
Eulen sind am unterschiedlichsten. Viele Gattungen haben ihre ganz eigene Reihenfolge. Bei der Schleiereule beginnt die Mauser der Handschwingen z. B. bei P6 (gelegentlich bei P5 oder P7) und breitet sich von dort nach beiden Seiten aus, oft über mehrere Jahre. Die Körperfedern werden bei allen Gruppen laufend und unregelmäßiger gewechselt.
Die Vorderkante einer Handschwinge der Schleiereule. Die feinen „Kammzähne“ dämpfen das Geräusch, sodass die Eule lautlos fliegt. Foto: Vedant Raju Kasambe, CC BY 4.0, Wikimedia Commons
Warum ist die Reihenfolge so klug?
- Der Vogel kann weiter fliegen. Es werden nur wenige Federn auf einmal gewechselt, und die neuen Federn wachsen neben intakten Federn heran. Der Flügel wird nie „leer“.
- Die Lücken werden verteilt. Wenn die Mauser an mehreren Stellen im Flügel beginnt, z. B. bei P4 und S5 bei den Falken, sind die entstehenden Lücken klein und verteilt. Der Flügel verliert keine große, zusammenhängende Fläche.
- Beide Flügel gehen im Gleichschritt. Der Vogel wechselt normalerweise dieselben Federn im rechten und linken Flügel ungefähr zur gleichen Zeit, sodass die Flügel gleich groß sind und der Vogel geradeaus fliegt. Im Schwanz sieht man etwas häufiger Unregelmäßigkeiten als in den Flügeln.
- Große Vögel bekommen mehr Zeit. Die großen Adler schaffen es nicht, alle großen Federn in einem Sommer wachsen zu lassen. Indem sie die Arbeit in Wellen über mehrere Jahre verteilen, haben sie immer einen Flügel, mit dem sie fliegen können.
Wann – und warum
Bei den meisten Greifvögeln in unserem Teil der Welt liegt die Mauser im Sommerhalbjahr. Bei wilden Seeadlern in Schleswig-Holstein wurden Schwung- und Steuerfedern zwischen April und Oktober gewechselt, vor allem von Mai bis August. Dieselbe Untersuchung zeigte, dass die Mauser in warmen, trockenen Sommern und in Jahren ohne Junge schneller verlief, während brütende Vögel etwa anderthalb Monate später begannen. Nahrung, Wetter, Bruterfolg und Tageslänge spielen also alle eine Rolle. Die Federn nutzen sich ab, und das ist ein wichtiger Grund, warum sie gewechselt werden müssen.
Die Vögel brauchen während der Mauser reichlich und gutes Futter. Neue Federn bestehen aus Eiweiß, und schon Friedrich II. warnte in den 1240er-Jahren, dass zu wenig Futter schlechte Federn mit „Hungerstreifen“ ergibt.
Eine Feder einer Schnee-Eule im Gras. Foto: Lisa Hupp/USFWS (USFWS Alaska), gemeinfrei (Public domain), Wikimedia Commons
Deshalb fliegen sie weniger
Wenn eine große Schwungfeder ausgefallen ist und die neue nachwächst, ist eine Lücke im Flügel. Die neue Feder ist während des Wachstums mit Blut gefüllt, und sie ist verletzlich, bis sie fertig ist. Der Vogel fliegt weniger effektiv, und ein beschädigter Blutkiel kann bluten. Deshalb fliegen wir die Vögel während der Mauserzeit weniger.
Wann die Mauser stattfindet, ist tatsächlich von Vogel zu Vogel verschieden. Manche mausern vor allem im Sommer, andere im Winter, und auch die Kondition des Vogels spielt eine Rolle. Deshalb beobachten wir jeden einzelnen Vogel und passen das Training daran an, wie weit er in der Mauser ist.
Die Kunst der alten Falkner: eine Feder einsetzen
Bricht eine Schwungfeder, kann der Falkner sie mit einer Technik reparieren, die man „Schiften“ (engl. imping) nennt. Die gebrochene Feder wird durchgeschnitten, und eine passende Feder aus einer früheren Mauser wird mit einer dünnen Nadel oder einem Stift und etwas Kleber angesetzt. Es tut nicht weh, weil die Feder tot ist. Die früheste schriftliche Beschreibung kennt man aus Friedrichs II. Werk über die Beizjagd aus den 1240er-Jahren. Das ist einer der Gründe, warum Falkner Mauserfedern aufbewahren.
Wir gehen alle Federn durch, die die Vögel verlieren, und im Laufe der Jahre ist daraus ein riesiges Federarchiv geworden. Es ist ein Schatz für sich: Die Federn erzählen von der Mauser jedes einzelnen Vogels, und sie sind genau das, was ein Falkner braucht, wenn eines Tages eine Feder repariert werden muss.
Eine Mäusebussardfeder, fotografiert in den Montes de Málaga in Spanien. Foto: Daniel Capilla, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons
Federn sind älter als Vögel
Federn entstanden nicht mit den Vögeln. In den 1990er-Jahren fand man in Liaoning in China Fossilien kleiner Raubdinosaurier (Theropoden) mit Federn. Der erste, Sinosauropteryx, war mit feinen, fadenartigen Federn bedeckt. Heute kennt man rund 40 Arten gefiederter Dinosaurier. Nach einem Entwicklungsmodell entstand die Feder in Stufen: zuerst eine einfache Röhre, dann ein Büschel, später eine verzweigte Feder und schließlich die geschlossene, asymmetrische Schwungfeder, die zum Fliegen nötig ist. Microraptor hatte asymmetrische Federn an Vorder- und Hinterbeinen, und der Urvogel Archaeopteryx ist die älteste bekannte Art mit Schwungfedern, deren Strahlen sich wie bei unseren heutigen Adlern ineinander verhaken. Den Flügel gab es also, bevor es das Fliegen gab.
Das Reservat ist über den Winter geschlossen, und die Vögel haben Ruhe, sich auf Ostern 2027 vorzubereiten.
Lesen Sie auch (auf Dänisch)
Vinteren bag kulisserne · Dinosaurernes bemærkelsesværdige evolutionære transformation · Fra fjerdragt til stjernestøv
Quellen
- Zuberogoitia, I. u. a. (2018): Moult in Birds of Prey: A Review of Current Knowledge and Future Challenges for Research. Ardeola 65(2)
- Clark, W.S. (2004): Artikel über Staffelmauser bei Greifvögeln in Raptors Worldwide, S. 795–804
- Journal für Ornithologie: Zur Mauser des Großgefieders beim Seeadler (Haliaeetus albicilla) in Schleswig-Holstein
- North American Bird Bander: Molt and Sequence of Plumages of Golden Eagles (Bd. 26, Nr. 3)
- Scottish Raptor Monitoring Scheme: Raptors – a field guide for surveys and monitoring, Teil 3 (Feathers)
- The Owl Pages: Elf Owl (Micrathene whitneyi); Animal Diversity Web: Micrathene whitneyi
- Wikipedia: Andean condor (Schwanz- und Flügelmaße)
- Audubon: An Introduction to Imping, the Ancient Art of Feather-Mending
- Friedrich II. von Hohenstaufen: De arte venandi cum avibus, engl. Ausg. The Art of Falconry (Wood & Fyfe)
- Current Biology (2020): Feathered dinosaurs
- Prum, R.O. & Brush, A.H. (2002): The Evolutionary Origin and Diversification of Feathers. Quarterly Review of Biology 77(3)
- Norell, M.A. & Xu, X. (2005): Feathered Dinosaurs. Annual Review of Earth and Planetary Sciences 33
- North American Bird Bander: Molt in Burrowing Owls (Athene cunicularia) (Bd. 37, Nr. 1) – über die unterschiedlichen Startpunkte bei Eulen, u. a. P6 bei der Schleiereule
- Brinzal: Lechuza común / Common Barn-Owl Tyto alba – datado y sexado (Mausermuster der Schleiereule)
- Pyle, P. (2013): Evolutionary Implications of Synapomorphic Wing-Molt Sequences among Falcons (Falconiformes) and Parrots (Psittaciformes). The Condor 115(3)
- Raptor Research Foundation: Raptor Research and Management Techniques, Kap. 2: Raptor Identification, Ageing, and Sexing (Mauser der Schwung- und Steuerfedern)
- Cornell Lab of Ornithology, Bird Academy: Everything You Need To Know About Feathers
- EPJ Web of Conferences 114 (2016): Aerodynamics of bird flight (Handschwingen, Armschwingen und Daumenfittich)
- Bilder von Wikimedia Commons: BirdingInSpain, Eagle Owl, Bubo bubo, primary feather (CC BY-SA 3.0); Vedant Raju Kasambe, Barn Owl feather macro (CC BY 4.0); USFWS Alaska, Feather of a snowy owl (gemeinfrei); Daniel Capilla, Common Buzzard Feather (Buteo buteo) (CC BY-SA 4.0)