Wenn ein Vogel davonfliegt – so finden wir ihn wieder
Jeder Falkner kennt das Gefühl: Der Vogel steigt, der Wind trägt ihn fort, und plötzlich ist er hinter den Baumwipfeln verschwunden. Im Ørnereservatet fliegen wir seit 1976 Greifvögel, und wir haben es selbst erlebt. Hier erzählen wir, wie Falkner seit 800 Jahren nach ihren Vögeln suchen, wie wir es heute machen – und an welcher Ausrüstung die Forschung gerade arbeitet.
Warum fliegt ein Vogel davon?
Ein Greifvogel in der Falknerei ist nicht angebunden. Er fliegt frei und kehrt zurück, weil er gelernt hat, dass es sich lohnt: Beim Falkner gibt es Futter, Ruhe und Sicherheit. Aber ein Vogel ist ein Lebewesen. Ein plötzlicher Schreck, ein wildes Greifvogelpaar, das sein Revier verteidigt, eine kräftige Thermik oder ein Vogel, der etwas zu satt ist, kann genügen, damit er weiter wegfliegt als sonst.
Ein Falke mit Haube, hinter ihm hängen Hauben an der Wand. Standbild aus dem Video des Ørnereservatet
Phillip und die zwei jungen Seeadler – Sommer 2026
Am Donnerstag, dem 27. August 2026, kamen während des Nachmittagsprogramms mit rund 100 Gästen zwei junge, wilde Seeadler über das Reservat. Als der Wanderfalke Phillip in der Luft war, tauchten sie wieder auf, und Phillip verließ das Gelände. Er setzte sich draußen über Simons Skrivers Klit, und wir folgten seinem Funksignal, während das Programm weiterlief.
Als das Programm vorbei war, war das Signal schwächer geworden. Es führte in Richtung Råbjerg Kirche und weiter in die Wald- und Dünenlandschaft, wo die Seeadler ihn erneut aufscheuchten. Der Rest der Suche fand zu Fuß statt: ein Stück vorwärts, anhalten, Antenne heben, lauschen. Nach etwa dreieinhalb Stunden wurde das Signal im Wald beim Campingplatz Skiveren plötzlich stark, und dort saß Phillip auf einem Ast. Er kam zum Federspiel mit einer toten Taube herunter, und ein freundliches Ehepaar mit Dackeln im Auto fuhr uns gegen acht Uhr abends zurück zum Tor.
Wenn die Adler selbst nach Hause finden
Die Adler fliegen oft weit, aber sie finden auch nach Hause. Im Februar 2014 war der 18-jährige Seeadler Kya eine Woche lang verschwunden. Wir suchten unter anderem mit einer Kameradrohne über Tolne, Jerup, Måstrup, Skiveren und Blæsbjerg, und viele Menschen aus der Gegend meldeten, wo sie ihn gesehen hatten. Am 18. Februar war Kya wieder zu Hause im Reservat. Im Jahr davor war er ebenfalls rund eine Woche weg gewesen und von selbst zurückgekehrt.
Im März 2022 gerieten unsere Seeadler mit fremden Adlern auf dem Zug in Streit, und das Seeadlermännchen Vikna unternahm einen längeren Ausflug durch Vendsyssel. Wir suchten ihn über Zeitung und Radio, und sehr viele Nordjüten meldeten sich. Nach einer Woche fanden wir ihn etwa 20 km von hier, wo er auf den Handschuh flog, als wäre nichts geschehen.
Die Geschichte von Will
Eine der Geschichten, die wir nie vergessen werden, handelt vom Sakerfalken Will. Er war erst drei Monate alt, als an einem Tag Ende August während der Flugvorführung ein heftiger Regenschauer losbrach. Das Publikum lief in Deckung und spannte Regenschirme auf, und Will erschrak so sehr, dass er davonflog. Er geriet in das Revier eines Mäusebussardpaares, wurde immer wieder angegriffen und flog noch weiter weg.
Will trug einen Funksender, und wir bekamen im Søparken in Frederikshavn Kontakt zu ihm. Doch gerade als er hereingerufen werden sollte, kamen frei laufende Hunde vorbei – und nach drei Schrecken hintereinander flog er weiter hinaus in Richtung Hirsholmene. Wir veröffentlichten einen Suchaufruf und die Frequenz des Senders auf Facebook, und Hunderte von Menschen, darunter Funkamateure, halfen, seine Route zu verfolgen. Die letzte Meldung kam aus dem östlichen Teil Seelands, kurz bevor die Batterie des Senders leer war. Will kam nie nach Hause.
Die Geschichte zeigt zwei Dinge, die wir sehr ernst nehmen: wie schnell ein junger Falke große Entfernungen zurücklegen kann und wie entscheidend Batterie und Reichweite der Ausrüstung sind. Sie zeigt auch, dass es ein großes Netzwerk hilfsbereiter Menschen gibt, wenn es darauf ankommt.
Sakerfalke auf dem Handschuh. Foto: Frank Wenzel
Glöckchen, Ringe und die Augen des Falkners – so machte man es früher
Solange es die Falknerei gibt, haben Falkner Vögel verloren und nach ihnen gesucht. Der römisch-deutsche Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen beschrieb in seinem großen Werk über die Beizjagd, De arte venandi cum avibus, aus den 1240er-Jahren, wie der Falke Geschüh und ein Glöckchen am Bein bekommt. Das Glöckchen war jahrhundertelang das wichtigste Suchwerkzeug des Falkners: Saß der Vogel versteckt in einem Baum oder auf einer Beute im hohen Gras, konnte man ihn hören, wenn er sich schüttelte oder den Kopf bewegte.
Neben dem Glöckchen hatte man Augen und Ohren, Geduld – und das Federspiel, das der Falkner schwingt, um den Vogel heranzurufen. Wertvolle Falken konnten auch das Zeichen ihres Besitzers tragen, sodass ein gefundener Vogel zurückgebracht werden konnte – ein früher Versuch, dasselbe Problem zu lösen, das wir heute mit Elektronik lösen.
In Dänemark haben die Jagdfalken eine ganz besondere Geschichte. Frank Wenzel erzählt sie in dem Buch Kongernes jagtfalke (Die Jagdfalken der Könige, 2010, auf Dänisch), das kostenlos auf Issuu gelesen werden kann.
Der Funk kommt – ab den 1960er-Jahren
Der große Sprung kam mit der Radiotelemetrie. 1963 beschrieben die amerikanischen Biologen William Cochran und Rexford Lord ein kleines Funkortungssystem für Wildtiere, und 1969 wurde die Telemetrie laut dem amerikanischen Hersteller L.L. Electronics von Bob Berry und Bill Cochran in die Falknerei eingeführt. Die ersten Falknersender waren wie Glöckchen geformt und wurden am Bein befestigt.
Das Prinzip ist heute dasselbe: Der Sender gibt auf einer festen Frequenz einen kleinen Piepton ab. Mit einem Empfänger und einer Richtantenne kann der Falkner peilen, wo das Signal am stärksten ist, und ihm folgen. Später wurde es üblich, den Sender am Stoß (Schwanz) anzubringen, und europäische Falkner brachten die Ausrüstung weiter in den Nahen Osten.
GPS, Apps und Drohnen – so suchen Falkner heute
Heute kombinieren viele Falkner in den USA, England und im Rest der Welt zwei Systeme: einen GPS-Sender, der Position, Höhe und Geschwindigkeit des Vogels live auf dem Telefon zeigt, und einen klassischen Funksender als Reserve. Der amerikanische Hersteller Marshall Radio empfiehlt selbst, zwei Sender zu verwenden – GPS als Hauptsender und einen langlebigen „Piep“-Sender als Backup –, weil das GPS mehr Strom verbraucht. Ihr System sendet per UHF-Funk direkt an einen kleinen Empfänger und eine App und funktioniert daher auch ohne Mobilfunkabdeckung.
Bei einer längeren Suche gilt es, die Batterie zu schonen: Das GPS kann auf seltenere Aktualisierungen eingestellt werden, und wenn der Vogel über Nacht in einem Baum schläft, kann man im Morgengrauen zurückkehren, bevor er wieder fliegt. Genau die Batterie war es, die uns bei Will ausging.
Drohnen werden mancherorts ebenfalls eingesetzt, um sich einen Überblick über das Gelände zu verschaffen, aber sie können einen ohnehin unruhigen Vogel erschrecken, und in Dänemark unterliegen sie den Drohnenregeln der dänischen Verkehrsbehörde (Trafikstyrelsen).
In England gibt es außerdem Register für entflogene und gefundene Greifvögel, in denen Vögel mit Ring oder Chip registriert werden, damit ein gefundener Vogel zu seinem Besitzer zurückgebracht werden kann. Entflogene Falken und Adler können auch bei der Polizei und in Tierheimen gemeldet werden.
So machen wir es im Ørnereservatet
Wir verwenden seit einigen Jahren GPS ohne SIM-Karte. Wir nutzen Marshalls GPS-System in der vorletzten Version, die eine längere Batterielaufzeit hat als die neueste: ein Sender von nur 9 Gramm, bei dem der Empfänger ein gewöhnliches Smartphone ist. Dort kann man den Vogel auf einer Karte verfolgen und gleichzeitig Geschwindigkeit, Höhe und Temperatur sehen. Zusätzlich zum GPS verwenden wir auch gewöhnliche Radiotelemetrie von Marshall. Die Ausrüstung ist nicht billig, aber sie ist gut, und wenn ein Vogel weg ist, zählt genau das. Ein Field Marshall Digital Tracking Receiver UHF kostet ab ca. 6.600 DKK (995 US-Dollar), und ein Turbo GPS Transmitter ab ca. 5.200 DKK (775 US-Dollar). Die Preise sind Marshalls Listenpreise im Oktober 2026, umgerechnet zum EZB-Kurs vom 26. Oktober 2026 (1 US-Dollar ≈ 6,68 DKK) und ohne Mehrwertsteuer, Zoll und Versand. Im Video GPS på rovfugle og udstyr under træning (GPS bei Greifvögeln und Ausrüstung im Training, 2019, auf Dänisch) zeigen wir die Ausrüstung und fliegen mit dem Gerfalken Slani.
Leider halten die Sender nicht immer so lange. Ein Adler kann auf die Idee kommen, hineinzubeißen, und ein Vogel, der immer wieder mit dem Sender badet, nutzt ihn ebenfalls ab. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, aber die Erfahrung zeigt, dass man auch die rein praktische Seite betrachten und vielleicht selbst Änderungen vornehmen muss – zum Beispiel, indem man die Sender selbst schützt. Das haben wir auf die harte Tour gelernt.
Der ältere Funksender mit langer Batterielaufzeit. Foto: Peter Frank Wenzel
Der blaue GPS-Sender ist technisch besser, hat aber eine kürzere Batterielaufzeit. Standbild aus dem Video des Ørnereservatet
Der Sender wird am Vogel angebracht. Standbild aus dem Video des Ørnereservatet
Das Telefon zeigt die Position des Vogels auf der Karte, daneben liegt der Empfänger. Standbild aus dem Video des Ørnereservatet
Die Ausrüstung funktioniert allerdings nur, wenn sie am Vogel sitzt. Als der Seeadler Arnulf im Mai 2016 verschwunden war, trug er keinen Funksender, weil unsere Adler die Unart angenommen hatten, in die Antenne zu beißen. Arnulf kam wieder nach Hause. Telemetrie – Funk- oder GPS-Sender – ist in Dänemark übrigens bei Training, Jagd und Regulierung vorgeschrieben.
Alle unsere Vögel sind außerdem gechippt. Der Chip kann nicht zeigen, wo der Vogel ist, aber er ermöglicht eine sichere Identifizierung, wenn er gefunden wird.
Was noch kommt
Die Forschung zur Tierortung entwickelt sich sehr schnell. Das Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie arbeitet mit Sendern von nur 1–3 Gramm, die Position, Temperatur, Luftdruck und Aktivität messen und Daten über Niedrigenergie-Netzwerke senden. Einer davon, ein solarbetriebener Sender mit Superkondensator, wurde für Turmfalken entwickelt und braucht nur wenige Minuten direktes Sonnenlicht zum Aufladen.
Gleichzeitig ist das globale ICARUS-System ins All zurückgekehrt. Ein erster Empfänger wurde im November 2025 gestartet, und im Mai 2026 folgte ICARUS' eigener Satellit RAVEN. Geplant ist ein Netzwerk aus mindestens fünf Satelliten, das bis zu sechs Aktualisierungen pro Tag von Tieren mit kleinen Sendern liefern kann – überall auf der Erde. Die Daten werden in der internationalen Datenbank Movebank gesammelt.
Das ist Forschungsausrüstung, keine Falknerausrüstung. Aber die Erfahrung sagt, dass das, was die Forschung heute nutzt, oft morgen den Weg zu den Falknern findet: kleinere, leichtere Sender mit Solarzellen, längere Batterielaufzeit und eine Abdeckung, die nicht von Mobilfunkmasten abhängt. Hätte Will einen solchen Sender gehabt, wüssten wir vielleicht, wo er geblieben ist.
Wenn Sie einen unserer Vögel sehen
Sehen Sie einen Greifvogel mit Geschüh an den Beinen oder einer kleinen Antenne am Stoß, ist es wahrscheinlich ein Falknereivogel. Halten Sie Abstand, scheuchen Sie ihn nicht auf, und rufen Sie uns an unter +45 98 93 20 31 – auch im Winter.
Das Reservat ist über den Winter geschlossen, und wir öffnen wieder zu Ostern 2027.
Lesen Sie auch (auf Dänisch)
Da havørnene kom forbi · Hundredevis ville hjælpe Will hjem · Sakerfalk (Falco cherrug) · Gratis e-bog: Kongernes jagtfalke
Quellen
- Ørnereservatet: Da havørnene kom forbi (Artikel vom 28. August 2026)
- Ørnereservatet på YouTube: GPS på rovfugle og udstyr under træning (3. November 2019)
- TV2 Nord: Havørnen Kya er fundet (18. Februar 2014)
- Nordjyske: Drone sat ind i jagten på forsvundet ørn (17. Februar 2014)
- NordsøPosten: Peter Frank Wenzel ser tilbage på et spændende år i Ørnereservatet (22. Dezember 2022)
- TV2 Nord: Ørn savnes: Hvor er du, Arnulf? (6. Mai 2016)
- Ørnereservatet: Falkejagten er atter fri
- Marshall Radio Telemetry: Field Marshall Digital Tracking Receiver UHF (Listenpreis abgerufen am 27. Oktober 2026)
- Marshall Radio Telemetry: Turbo GPS Transmitter (Listenpreis abgerufen am 27. Oktober 2026)
- Europäische Zentralbank: Euro foreign exchange reference rates (26. Oktober 2026: 1 EUR = 1,1188 USD = 7,4747 DKK)
- Ørnereservatet: Hundredevis ville hjælpe Will hjem (Artikel vom 16. Januar 2019)
- Frank Wenzel: Kongernes jagtfalke (2010), Issuu
- Friedrich II. von Hohenstaufen: De arte venandi cum avibus, engl. Ausg. Casey A. Wood & F. Marjorie Fyfe, The Art of Falconry (Internet Archive)
- Cochran, W.W. & Lord, R.D. (1963): A Radio-Tracking System for Wild Animals. Journal of Wildlife Management 27(1)
- L.L. Electronics: Observations on Falconry Transmitter Tailmounting (2015)
- Marshall Radio: Extended Tracking with the GPS System und Marshall GPS Pro System
- Max Planck Institute of Animal Behavior: Tracking Technology (ICARUS-tags)
- Max-Planck-Gesellschaft: Icarus returns to space (2025) und ICARUS launches second system into orbit (2026)
- Movebank – Datenbank für Tierbewegungen